
Die Schweizer Druck- und Verlagsbranche verkommt immer mehr zur sozialpartnerschaftlichen Wüste. Seit vier Jahren weigern sich die ignoranten Deutschschweizer und Tessiner Zeitungsverleger, mit ihren JournalistInnen wieder einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) abzuschliessen. Die Folge: Die Löhne sinken, die Arbeitsbedingungen verwildern.
Eine ähnliche Entwicklung ist im Druckereibereich im Gange. Die Branche bewegt sich lohnmässig im Rückwärtsgang, ist mit den Minimallöhnen gar in den Billiglohnbereich abgestürzt. Trotzdem propagiert der neoliberal inspirierte Unternehmerverband Viscom frech mehr Nachtarbeit und gleichzeitig Abbau bei den Schichtzulagen und Abmagerungskuren für den GAV.
Diesen verheerenden Entwicklungen müssen die 30 000 Beschäftigten der grafischen Industrie im kommenden Herbst geschlossen und bis zum Äussersten entgegentreten. Mit einer GAV-Kampagne, die überzeugt – mit Druck von unten und mit guten Argumenten. An denen fehlt es nämlich nicht:
1. Die Branche floriert wieder
Niemand kann es bestreiten: Die Druckindustrie ist nach den Durchhängern nach der Jahrtausendwende wieder kräftig im Aufwind. Die Umsätze wachsen und liegen derzeit wieder bei über sechs Milliarden Franken. Die Ertragslage hat sich insgesamt deutlich verbessert. Die Kapazitätsauslastung in den rund 2600 Betrieben ist seit 2002 von 80 Prozent auf annähernd 90 Prozent gestiegen.
2. Die Produktivität wächst
Ein sehr aussagekräftiger Wert für die Form einer Branche ist die reale Bruttowertschöpfung. Diese entwickelt sich in der grafischen Industrie laut den renommierten Konjunkturforschern des «BAK Basel Economic» ausgezeichnet. Seit Oktober 2006 liegt dieser Wert praktisch in jedem Quartal um plus zwei Prozent. Im ersten Quartal 2008 verbesserte sich die Branche sogar um 2,5 Prozent.
3. Die Exporte steigen
Der Unternehmerverband Viscom beklagt bei jeder Gelegenheit die schwindende Konkurrenzfähigkeit der Schweizer Druckbranche im internationalen Wettbewerb. Die von Viscom erst kürzlich publizierten Zahlen belegen jedoch das Gegenteil: Die Exporte steigen seit Jahren; 2004 um 14 Prozent, 2005 um 10, 2006 um 18 und 2007 nochmals um 1,5 Prozent auf mittlerweile 876 Millionen Franken. Die Einfuhrzuwächse bewegten sich im gleichen Zeitraum im Fünf-Prozent-Bereich.
4. Die Gewinne explodieren
Die Medienkonzerne Ringier, Tamedia, NZZ und Edipresse sind auch im Druckbereich massgebende Player. Sie alle haben kürzlich öffentlich mit ihren Geschäftszahlen geprotzt. So steigerten Ringier und Tamedia ihre Gewinne um 51 bis 45 Prozent auf neue Allzeitrekorde. Wer die Geschäftsberichte liest, stellt fest, dass dabei auch im sogenannten Printbereich schwer Geld verdient wurde.
5. Das Lohnniveau ist tief
Mit dem Aufschwung nicht Schritt gehalten haben die Löhne der Beschäftigten. Der GAV-Minimallohn für Ungelernte liegt bei mageren 3300 Franken brutto pro Monat – und damit inzwischen unter dem Niveau der Grossverteiler Migros, Coop und Denner. Selbst das Gastgewerbe, das wegen seiner miesen Löhne lange Zeit verrufen war, ist nahe dran, die vermeintliche Hochlohnbranche Druck zu überholen.
6. Reallöhne sind tiefer als 2002
In der Druck- und Verlagsbranche sind die Löhne seit 2002 real gesunken. Das heisst: Mit dem Lohn, den man heute verdient, kann man sich weniger kaufen als mit dem Lohn vor sechs Jahren. Keine andere Branche hat es so kalt erwischt. Das belegt auch der Lohnindex 2007, der kürzlich vom Bundesamt für Statistik veröffentlicht wurde.
7. «Wilde» an die Leine legen
Ein grosser Schwachpunkt des GAV der grafischen Industrie ist: Er gilt nur für Betriebe, die entweder Mitglied von Viscom oder dem paritätischen Berufsamt angeschlossen sind. Das sind aber nur eine Minderheit der 2638 Arbeitgeber. Tausende Unternehmer stehlen sich also aus dem GAV, um auf dem Buckel der Beschäftigten unbehelligt das Geschäft mit Lohn- und Sozialdumping zu betreiben. An die kostspielige Aus- und Weiterbildung zahlen sie keinen Rappen. Trotzdem leben sie – quasi mit behördlicher Begünstigung – wie die Maden im Speck öffentlicher Aufträge und Steuergelder. Gegen diese Verwilderung gibt es nur ein probates Mittel: die jetzt von comedia geforderte schweizweite Allgemeinverbindlicherklärung (AVE) des GAV.
8. Junge wollen keine Druckjobs
Die tiefen Einstiegslöhne nach der Lehre schaden der Branche. Die Jungen wenden sich von den einst hoch angesehenen Jobs der Druckbranche ab. 2001 bildete die Branche noch 616 Lehrlinge aus, 2007 waren es nur noch 495. Dabei braucht es angesichts der technologischen Revolution, die in der Druckindustrie weiter im Gange ist, mehr denn je kompetente und motivierte Berufsleute. Mit dem Aufpeppen der Berufsbezeichnungen – neu ist von Polygrafen und Drucktechnologinnen die Rede – ist das ramponierte Image nicht zu retten. Das Rezept von comedia: Nur angemessene Mindestlöhne – auch für Gelernte – machen die Berufe wieder attraktiv.
9. Hände weg von den Zulagen
Viscom will die Nachtzulagen senken, die Arbeitszeiten flexibilisieren, auch im Akzidenzdruck rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche arbeiten lassen. Der Plan ist durchschaubar: Die längeren Maschinenlaufzeiten sollen den Kauf von noch leistungsfähigeren und teureren Maschinen rentabel machen. Aufgebaut werden damit neue Überkapazitäten. Vorab die kleineren und finanziell weniger potenten Firmen werden in diesem Verdrängungswettbewerb definitiv aus dem Markt katapultiert. Darum: Hände weg von den mehr als gerechtfertigten Zulagen!
Beat Jost
Weiterführende Informationen:
Zahlen und Fakten 2008 zur visuellen Kommunikation in der Schweiz
Lohnindex 2007 des Bundesamtes für Statistik