Mit dem neuen Gesamtarbeitsvertrag der grafischen Industrie muss es nach sieben mageren Jahren wieder aufwärts gehen. Einhellig beschlossen die Delegierten an der comedia-Branchenkonferenz am 17. Mai in Bern: Die Minimallöhne müssen um 500 Franken angehoben, die Reallöhne jährlich um 150 Franken verbessert werden. Die Marschrichtung für die Verhandlungen im Herbst ist klar: ein Vertrag für alle – alle für einen Vertrag.

Die Stimmung an der gut besuchten Sektor- und Branchenkonferenz im Berner «Jardin» war aufgeheizt und spannungsgeladen. Die rund 60 Delegierten aus der ganzen Schweiz machten von Beginn an deutlich: Für die Arbeitnehmenden in der grafischen Industrie ist die Schmerzgrenze erreicht; die Erwartungen in die kommenden Vertragsverhandlungen sind gross. Tatsächlich ist – wie der Lohnindex des Bundesamtes für Statistik belegt – die Druck- und Verlagsindustrie diejenige Branche mit dem grössten Lohnabbau seit 2002: real minus 1,1 Prozent! Krass im Widerspruch dazu stehen die Geschäftsabschlüsse der Grossverleger, die offen mit Rekordgewinnen klotzen und protzen (siehe «m» 5/2008).
Begründete Forderungen
Die Sektorleitung mit dem neu gewählten Präsidenten Niklaus Dähler an der Spitze stieg mit klaren Vorgaben in die Debatte über das Forderungspaket: «Wir müssen uns auf zwei, drei Hauptforderungen konzentrieren.» Welche das sind, war unbestritten: Erhöhung der Mindestlöhne, jährliche Verbesserung der Reallöhne und die Allgemeinverbindlichkeitserklärung des Gesamtarbeitsvertrags (GAV), um dem Lohn- und Sozialdumping der Firmen, die sich nicht an den GAV halten, einen Riegel zu schieben. Die Zentralsekretäre Hans-Peter Graf und Pedro Sancho stützten die Begehren mit starken Argumenten. «Die Forderung nach Reallohnerhöhung ist die fällige Antwort auf die Lohnverluste der vergangenen Jahre. Höhere Minimallöhne verbessern die Attraktivität der Branche und sind mehr als gerechtfertigt. Es kann doch nicht sein, dass die Minimallöhne der hoch produktiven und mit einer guten Wertschöpfung agierenden Druckbranche schlechter sind als bei Migros und Coop», begründete Graf die Begehren.
Abbaupläne inakzeptabel
Mit den Lohnbegehren stellt comedia auch das bisher praktizierte Verhandlungssystem infrage. Hans-Peter Graf: «Die jährlichen Lohnverhandlungen im Betrieb sind gescheitert. Es braucht wieder den garantierten Teuerungsausgleich und eine jährliche Reallohnerhöhung.» Die öffentlich angedrohten Abbauforderungen des Unternehmerverbandes Viscom, der die Nachtzulagen senken und den Vertrag generell ausdünnen will, wird die massgebende Gewerkschaft in der grafischen Industrie nicht hinnehmen. Für Vizepräsident Pierre Djongandeke, Sektions- und Betriebskommissionspräsident aus Genf, ist es zwingend, den Vertrag mit allen Mitteln zu verteidigen. «Der GAV ist mehr denn je notwendig und der beste Schutz für die Arbeitnehmenden.»
Romands machen Druck
Mit den Hauptforderungen wollten sich die Delegierten jedoch nicht begnügen. Zu gross ist der Anpassungs- und Handlungsbedarf, der sich in den letzten Jahren aufgestaut hat. Druck machten besonders die VertreterInnen der Kommissionen und die KollegInnen aus der Romandie, namentlich der Sektionen Genf, Nyon und Waadt-Lausanne, angeführt vom kämpferischen Regionalsekretär Bernard Remion. So setzten die Romands durch, dass die Arbeitgeber statt 50 wieder 80 Prozent der Prämien der Krankentaggeldversicherung übernehmen sollen und das Kündigungsverbot während der ganzen Dauer von Krankheit und Unfall gelten soll. Erfolgreich waren sie auch mit ihrer Forderung nach einer zusätzlichen Ferienwoche für Beschäftigte, die regelmässig Nachtarbeit leisten.
Abgelehnt wurde dagegen der Vorschlag, bei der Frühpensionierung eine Branchenlösung, ähnlich jener im Baugewerbe, auszuhandeln. Das sei ein zu grosser Brocken, um ihn so beiläufig als Zusatzbegehren ins Forderungspaket aufzunehmen, befand eine deutliche Mehrheit der Delegierten.
Überzeugende Kommissionen
Zu überzeugen vermochte hingegen Samuel Rüegger als Vertreter der Jugendkommission. Sein Antrag, dass alle Lehrlinge einen 13. Monatslohn erhalten sollen, wurde einstimmig akzeptiert. Auf ähnlich breite Unterstützung stiess die zentrale Frauensekretärin Therese Wüthrich mit der Forderung nach einer Erhöhung des vertraglichen Mutterschaftsurlaubes von 16 auf 18 Wochen und der Einführung eines vierwöchigen Vaterschaftsurlaubes. Ein doppeltes Erfolgserlebnis hatte schliesslich auch Salvatore Pittà, Präsident der Migrationskommission. Diese verlangte, dass im Rahmen der Paritätischen Berufsbildungsstelle (PBS) Sprachkurse für fremdsprachige Arbeitnehmende angeboten werden. «Das ist ein echter Beitrag an die Integration», argumentierte Pittà. Gutgeheissen wurde auch die Resolution der Migrationskommission «Für gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit und für Integration».
Damit war nach einem langen Tag und hitzigen Diskussionen das Forderungspaket geschnürt. Doch allen Delegierten war klar: Das war nur der Auftakt! Der Appell von Sektorpräsident Dähler zum Schluss: «Wir werden kämpfen und aus den Betrieben heraus Druck machen müssen. Es wird auf jede und jeden ankommen.»
Beat Jost