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Die Zeitung der Zukunft ist digital

Gemäss einer Marktstudie aus den USA ist der Verkauf elektronischer Lesegeräte seit der Lancierung des iPads sprunghaft angestiegen: innert weniger Monate auf das 13-fache. Unser Autor meint: «Die Zeitung landet bald im Altpapier. Es sei denn, sie erfindet sich neu.» Einige Gedanken zur Situation der Tageszeitung im iPad-Zeitalter.
 
Als das iPad auf den Tisch kommt, pflichten selbst die kritischen ZeitgenossInnen bei: Doch, vermutlich werde die Zeitung dereinst digital gelesen. Rasch fügen sie indes an: Viel lieber als auf einem Gerät läsen sie die Zeitung weiterhin auf Papier.

Tatsächlich demonstriert der US-Konzern Apple mit dem iPad eindrücklich, was mit Tablet-Computern alles möglich ist. Auch im Bereich des Lesens: Bislang konnte man nur erahnen, wie Zeitungen und Zeitschriften in Zukunft aussehen könnten. Auf dem iPad hingegen schmökert man bereits in ersten avantgardistischen Magazinen: aufwendig gestaltet mit spielerischer Navigation, ergänzt mit vertiefenden Materialien wie Quellendokumenten oder Videos. Einzelne Verleger lassen sich in Anbetracht solcher Publikationen zu Lobeshymnen hinreissen. So etwa Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende des deutschen Axel-Springer-Verlags: Die Verlage müssten Apple-Chef Steve Jobs dafür danken, dass er mit dem iPad die Verlagsindustrie rette, sagte er in einer US-Talkshow. Trotz seiner Euphorie wies er aber beiläufig auch auf einen der wunden Punkte hin: Die Umsatzbeteiligung von 30 Prozent, die Apple bei App-Verkäufen einfordere, sei zu hoch. Er hoffe, dass sich diese durch die Konkurrenz auf ein vernünftiges Niveau senke.

Die Konkurrenz erholt sich indes erst langsam vom iPad-Schock. Ihre Tablet-Computer können es schlicht noch nicht mit Apples überraschend schnell und zu einem überraschend günstigen Preis lancierten Gerät aufnehmen. Doch während es beim iPhone rund drei Jahre gedauert hat, bis die Konkurrenz gleichzuziehen vermochte, dürfte Apples Vorsprung dieses Mal schnell dahinschmelzen. Etwas ungewisser sind die Aussichten der Hersteller von spezialisierten Lesegeräten, sogenannten E-Readern: Noch vor einem halben Jahr kündigte eine Firma nach der anderen solche Geräte an, die sich ausschliesslich zum Lesen eignen sollen – dafür dank der Bildschirmtechnik der «elektronischen Tinte» besonders gut und auch etwa draussen an der prallen Sonne. Nach dem Hype um das multifunktionale iPad herrscht bei den Herstellern im besten Fall Katerstimmung: Ihre Geräte sehen archaisch aus und haben «Kinderkrankhei- ten». Sie taugen einzig zum Lesen. Und sie sind viel zu teuer und vorläufig noch zu starr, als dass sie bereits zum elektronischen Ersatz fürs Papier werden könnten. Entsprechend knicken einige Hersteller ein: Das niederländische Unternehmen iRex etwa, der Pionier im Markt der spezialisierten Lesegeräte, musste Konkurs anmelden. Die US-Firma Plastic Logic, die in Dresden einen einfachen und robusten E-Reader aus Plastik produzieren wollte, stornierte die Vorbestellungen und verschob die Lancierung ein weiteres Mal. Und ob das Berliner Start-up Txtr das längst überfällige Lesegerät je liefern wird, ist unklar. Ziemlich erfolgreich sind aber offenbar Amazon mit dem Lesegerät Kindle und Barnes & Noble mit «Nook» unterwegs.
 
Alles wird digital …
Apple heizt mit dem iPad die Entwicklung hin zum Lesen auf elektronischen Geräten an; ein Leseprogramm mit Shopanbindung ist gleich mit dabei. Die Digitalisierung, die bereits breite Bereiche der Wirtschaft umgekrempelt hat, schlägt damit definitiv aufs Buch- und Zeitungsgeschäft durch. Zwar konnten bereits auf den frühen E-Readern Bücher gelesen werden. Bislang ist die Auswahl an deutschsprachiger Literatur aber noch klein. Und der umständliche Kopierschutz schreckt viele InteressentInnen ab. Doch das ändert sich nun rasant: Neu kauft man bequem vom Sofa oder aus dem Zug Bücher, ohne auch nur einen Fuss in einen Laden setzen zu müssen. Und man trägt im handlichen Gerät gleich eine halbe Bibliothek mit. Elektronische Bücher sind längst keine Nischenprodukte mehr. Das zeigen etwa die Zahlen des US-Buchgiganten Amazon: Dieser hat nun erstmals mehr E-Books als Hardcover-Bücher verkauft. Und das Lesegerät Kindle ist in den letzten beiden Jahren der meistverkaufte Artikel.

Etwas später trifft die Entwicklung auch die Zeitungen. Und dies just in einer Zeit, in der diese mit Problemen auf dem LeserInnen- und dem Werbemarkt kämpfen: Immer mehr (jüngere) LeserInnen begnügen sich mit Pendlerzeitungen und elektronischen Medien. Sie sind nicht bereit, einen grösseren Betrag für eine Tageszeitung auszugeben. Mit mehr Werbung kann dies nicht kompensiert werden. Denn die Agenturen verlagern ihre Etats zunehmend von der Papierzeitung zu den Online-Angeboten. Am meisten profitieren dabei die Suchmaschinen, wo KundInnen ganz gezielt beworben werden können. Entsprechend stehen die Verlage auf die Kostenbremse. Doch nach den radikalen Sparübungen des letzten Jahrzehnts kann nicht mehr viel weggelassen werden. Es sei denn, man verzichtet auf den Druck und die physische Spedition der Zeitung.

Doch wie sieht eine digitale Zeitung der Zukunft aus? Darüber herrscht Uneinigkeit. Geht die Zeitung in den Online-Portalen auf? Oder besteht Bedarf nach einer elektronischen Zeitung – einer weitgehend statischen Text-Bild-Publikation? Vermutlich braucht es beides: Eine «Zeitung», die das Zeitgeschehen zusammenfasst, einordnet und kommentiert. Und zusätzlich Online-Medien, die während des Tages zeitnah berichten. Die Arbeit von JournalistInnen bleibt entsprechend auch in Zukunft gefragt. Die Erwartungen an sie dürften aber weiter steigen. Sie sollen noch schneller arbeiten, noch flexibler verschiedene Kanäle speisen: Nach der Eilmeldung fürs Online-Portal liefern sie den Hintergrund für die (elektronische) Zeitung – womöglich gleich mit ergänzenden Fotos, Tondokumenten und Videos. Radikalere Veränderungen kommen hingegen auf einige Beschäftigte aus dem technischen Bereich zu: Viele Druckereien werden verschwinden. Und dies – trotz all den Plädoyers fürs Papier – schneller, als einem lieb sein kann.
 
Mathias Born, «m»-Magazin /20.8.10
 
Mathias Born
Born arbeitet derzeit als Technikredaktor bei der «Berner Zeitung». Für seine anfangs Jahr veröffentlichte Lizenziatsarbeit an der Universität Freiburg hat er einen Versuch mit einer elektronischen Zeitung durchgeführt: 15 Testpersonen erhielten dabei ein Lesegerät zur Verfügung gestellt, auf das sie eine umformatierte Ausgabe des «Tages-Anzeigers» laden konnten. Born wertete statistisch aus, was die Testpersonen in der digitalen Zeitung gelesen haben. Zudem befragte er sie zu ihren Erfahrungen damit. Im Pilotversuch der Schweizer Verlage (siehe Artikel) hat Mathias Born an der Gestaltung der elektronischen «Berner Zeitung» mitgearbeitet. Weitere Infos: www.borniert.com


Tausendmal schneller surfen

Zurzeit werden in etlichen Kantonen, Städten und Gemeinden in Wohnungen und Büros Glasfaseranschlüsse installiert. Die Technologie FTTH – Fiber to the Home – breitet sich magisch schnell aus, weil sie weitaus grössere Bandbreiten ermöglicht als das gute alte Kupferkabel. Schnelleres Internet wird auch Auswirkungen auf den Wert der Arbeit haben.



Die Schweiz liegt im internationalen Vergleich so weit zurück, dass sie nicht einmal in Statistiken auftaucht. Würde es sich um Wintersport handeln, wäre landauf landab ein lautstarkes Wehklagen zu hören. Doch es geht nicht um Ammann, Cuche, Janka und Co., sondern um die Versorgung der Schweizer Wirtschaft und Bevölkerung mit der ultraschnellen Glasfasertechnologie, neudeutsch FTTH – Fiber to the Home – genannt. Da beschränkt sich das Wehklagen auf einige wenige Medien und Wirtschaftsverbände.

Engpässe beseitigen

In den letzten Jahren haben etliche SpezialistInnen prophezeit, dass das Internet an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit stosse. Die Folge davon seien – analog dem Strassenverkehr – zuerst verstopfte Leitungen und danach der Zusammenbruch. Ob diese WarnerInnen recht haben oder nicht, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass immer mehr Menschen von den Segnungen des Internetzeitalters profitieren:

  • Fotos klebt man nicht mehr in Alben, sondern stellt sie ins Internet, um sie jederzeit allen zeigen zu können.
  • Filme kauft oder mietet man nicht mehr im DVD-Geschäft um die Ecke, sondern man lädt sie vom Internet herunter.
  • Gesellschaftsspiele spielt man nicht mehr am heimeligen Tisch in trauter Runde, sondern mit Unbekannten aus allen Erdteilen im Internet.
  • Beim Telefonieren will man das Gegenüber nicht nur hören, sondern auch sehen.
  • Geschäftssitzungen werden nicht mehr an grossen Sitzungstischen durchgeführt, sondern mittels Videokonferenzen im Internet.
  • Daten sichert man nicht mehr auf Bänder, sondern irgendwo im Cyberspace (Stichwort Cloud Computing).
Die Liste der zum Teil etwas überspitzt dargestellten steigenden Bedürfnisse könnte beliebig weitergeführt werden. Abgedeckt werden können sie nur mit einem leistungsstarken Internet.

Eine zentrale gewerkschaftspolitische Aufgabe ist es, den Wert der Arbeit zu erhöhen. Steigt die Produktivität, können höhere Löhne bezahlt oder die Arbeitszeiten gesenkt werden – beides erhöht den Wert der Arbeit. Es liegt also im Interesse der Gewerkschaften, dass mögliche Engpässe im Internet vermieden werden. Und dass im Gegenteil die Leistungsfähigkeit des Internets steigt, damit die Werktätigen effizienter arbeiten können. Hinzu kommt, dass das ultraschnelle Internet ein Standortvorteil sein kann. Oder eben ein Standortnachteil, wenn eine Region oder eine Stadt nicht über dieses Netz verfügt.

Alles aus einer Hand

Man kann sich ein Glasfasernetz vorstellen wie Eisenbahnschienen: Ohne Zug drauf nützen sie niemandem. Weil sich die Swisscom durchgesetzt hat, werden praktisch überall gleich vier Fasern nebeneinander verlegt. Eine davon ist jeweils für die Swisscom reserviert, die ihre Dienste darauf anbietet. Die anderen drei Fasern gehören den Kooperationspartnern der Swisscom, den kommunalen Energieversorgern. Diese bieten aber selber keine Leistungen an, sondern vermieten ihre Fasern. Und zwar entweder an Grossunternehmen, die das Glasfasernetz für ihre eigenen Bedürfnisse nutzen, oder an Telekommu-nikationsunternehmen, die Fernsehen, Radio, Telefon und Internet aus einer Hand anbieten. Diese sogenannten Triple- Play-Angebote kosten in der Regel um die 120 Franken pro Monat. Die Download-Raten von 100 Megabyte pro Sekunde sind als Anfangsangebote anzusehen, sind doch theoretisch Download-Raten von mehreren Terabyte pro Sekunde möglich. Es ist davon auszugehen, dass es in wenigen Jahren möglich sein wird, Hollywoodfilme in Sekundenbruchteilen herunterzuladen. Oder einem einzigen E-Mail Millionen von Dokumenten anzuhängen, also ganze Archive.

Investition in die Zukunft

Glasfasernetze sind teuer – ein einziger Hausanschluss kostet um die 2000 Franken. Allein die Swisscom will mehrere Milliarden Franken investieren, um bis 2015 einen Drittel aller Haushalte mit Glasfaseranschlüssen auszurüsten. Hinzu kommen Investitionen der Energieversorger und der öffentlichen Hand. Die Stadt Zürich investiert beispielsweise 200 Millionen Franken. Wie teuer das Ausrüsten der ganzen Schweiz mit Glasfaseranschlüssen sein wird, konnte bisher noch niemand genau beziffern; es kursieren Zahlen zwischen 15 und 30 Milliarden Franken. Wie beim Eisenbahnnetz handelt es sich um langfristige Investitionen, sodass die Netze erst nach 20 bis 30 Jahren abgeschrieben sein müssen. Mit einem Return of Invest ist noch später zu rechnen.

GlasfaserkritikerInnen verweisen auf neue Funktechnologien wie beispielsweise den neuen Mobilfunkstandard LTE (Long Term Evolution). Von LTE sind Übertragungsraten von bis zu 300 Megabyte pro Sekunde zu erwarten; zurzeit werden aber erst einige Dutzend Megabyte pro Sekunde erreicht.

Die höheren Übertragungsraten werden aber bereits durch die steigenden Bedürfnisse für die mobile Datenübertragung aufgefressen. Zurzeit verdoppelt sich beispielsweise die  Datenmenge bei der Swisscom alle acht Monate, dies nicht nur wegen der steigenden Bedürfnisse der MobiltelefonnutzerInnen, sondern auch wegen der rasanten Zunahme von Netbooks. Für eine Übergangszeit von ein paar Jahren kann es interessant sein, schnell realisierbare LTE-Funkmasten zu bauen. Doch einerseits sind Funkmasten wegen möglicher strahlungsbedingter
Gesundheitsschäden umstritten und andererseits ist die Glasfaser sicherer und leistungsfähiger als jede Mobilfunktechnologie.

Fehlende Strategie des Bundesrats

Die nicht ersichtliche FTTH-Strategie des Bundesrats führt dazu, dass vorab in urbanen Gebieten Glasfasernetze gebaut werden. So wird derzeit in neun der zehn grössten Schweizer Städte gebaut. Hinzu gesellen sich kleinere Gemeinden. Aktiv geworden sind aber auch die Kantone Genf, Freiburg und Obwalden.

Von links bis rechts herrscht Einigkeit, dass die Schweiz vorwärts machen muss mit der Glasfasertechnologie. Die Meinungen gehen allerdings beim Tempo, der Finanzierung und der Netz-Eigentümerschaft auseinander. SP-Präsident Christian Levrat beispielsweise möchte den Grundversorgungsauftrag erweitern. Dies hätte die positive Folge, dass die Swisscom als Grundversorgerin dazu verpflichtet  wäre, in der ganzen Schweiz FTTH zu realisieren, also auch in  Randregionen.  Doch damit erhielte die Swisscom quasi ein neues Monopol, was wiederum die in der Zwischenzeit spärlich gewordene Konkurrenz auf den Plan ruft. Diese geisselt bereits den Vier-Faser-Kompromiss als Milliardenverschwendung und pocht auf einen diskriminierungs- freien Zugang für alle Anbieter von Dienstleistungen. Ein anderer, sozialerer Ansatz für die Eigentümerschaft des Glasfasernetzes könnte eine Netzgesellschaft sein – im Besitz von Telekommunikationsunternehmen, Gemeinden, Städten, Kantonen und Energieversorgern. Diese Netzgesellschaft würde die Quasi-Monopolstellung eines einzelnen Anbieters verunmöglichen. Dafür wäre es wahrscheinlich ein eher schwerfälliges Konstrukt.

Eines ist klar: Solange die Glasfaserversorgung auf der politischen Agenda nicht weiter nach oben rückt, wird munter am Flickenteppich gewebt. Chance auf einen Podestplatz in den internationalen Statistiken hat unser Land aber erst, wenn sich der Bundesrat zu einer Strategie durchringt – und wenn Politik und Volk bereit sind, die nötigen Investitionen zu tätigen.

Franz Schori, Gewerkschaft Kommunikation

Bild: zVg Swisscom