Wir wollten wissen, warum viele JournalistInnen die Anliegen der BuchhändlerInnen nicht verstehen, und baten die Buchhändlerin Elisabeth Fannin (Orell Füssli) und den Wirtschaftsjournalisten Romeo Regenass («Tages-Anzeiger») zu einem Streitgespräch über die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten. Es zeigte sich: Wenn man über die Standpunkte diskutiert, liegen sie näher beieinander als man meint.
Warum sind die Buchhändlerinnen so strikte gegen eine weitere Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten?
Elisabeth Fannin: Wir sind der Überzeugung, dass wir bereits jetzt sehr viel arbeiten für sehr wenig Geld. Unsere Arbeitszeit wurde vor einem Jahr – allerdings nicht in Zusammenhang mit den Öffnungszeiten – um eine Stunde erhöht, wochentags sind wir oft bis nach 20 Uhr präsent. Wenn man jetzt auch noch samstags bis spät im Laden stehen muss, wird das soziale Leben extrem beeinträchtigt. Nicht zuletzt, weil uns ausser dem freien Sonntag oft nur zwei auseinanderliegende Halbtage als Kompensationsmöglichkeit zur Verfügung stehen. Für BuchhändlerInnen ist es zum Luxus geworden, zwei Tage hintereinander frei zu haben.
Gerade jetzt, in der Vorweihnachtszeit, ist die Belastung wohl besonders hoch?
E. F.: Im Zürcher Weihnachtsverkauf wird dieses Jahr eine erneute Erweiterung der Ladenöffnungszeiten «getestet»: Ich stehe derzeit also auch samstags bis 20 Uhr im Laden. Bei uns – ich arbeite bei Orell Füssli an der Bahnhofstrasse – wurden diese «Testphasen» danach jedesmal definitiv eingeführt. Obwohl Untersuchungen gezeigt haben, dass trotz dieser zusätzlichen Stunden nicht viel mehr verkauft wurde als vorher. Die Umsatzsteigerung deckt die höheren Lohnkosten kaum.
Herr Regenass, als Journalist sind Sie sich wahrscheinlich gewöhnt, Abenddienste bis 23 Uhr zu schieben?
Romeo Regenass: Abend- und Sonntagsdienste gehören selbstverständlich zum Stellenprofil bei einer Tageszeitung. Weil am Sonntag kein «Tages-Anzeiger» erscheint, ist der Samstag der einzige immer freie Tag – mit dem entsprechenden Stellenwert, jedenfalls für mich persönlich.
Wesentlich scheint mir aber die Frage, ob diese aussergewöhnlichen Arbeitszeiten auch abgegolten werden. Kann man das mit Geld oder mehr Freizeit kompensieren? Und zwar nicht nur eins zu eins. Unzumutbar ist, finde ich, wenn man eine «Zimmerstunde» aufgebrummt bekommt, also eine extrem lange Mittagspause anstelle eines freien Abends.
E. F.: Das gibt es bei uns zum Glück noch nicht. Aber in einigen Kleiderläden wird das schon so gehandhabt. Uns BuchhändlerInnen interessiert die finanzielle Kompensation weniger: Freizeit ist so viel mehr wert als Geld! Nicht zuletzt, weil eine Erhöhung der Stundenlöhne am Sonntag bei unseren Salären nicht viel ausmacht.
R. R.: Aber man sollte doch eher darauf hinarbeiten, dass es Minimalregelungen gibt: Dass man beispielsweise mindestens zwei Mal im Monat mindestens zwei Tage hintereinander frei hat. In anderen Berufen mit unregelmässigen Arbeitszeiten, wie beispielsweise in der Pflege, ist das längst so festgelegt. Im Detailhandel müsste man spätestens ab samstags, 18 Uhr, einen Zuschlag erhalten, denn es ist ja keine «normale Arbeitszeit» im rechtlichen Sinne.
Haben denn die JournalistInnen mehr Lohn am Sonntag?
R. R.: Früher gab es sonntags 25 Prozent Zusatzhonorar, aber das gibt es nicht mehr. Beim «Tagi» haben alle, die unregelmässig arbeiten, also ein bestimmtes Minimum von Abend-, Sonntags- oder Pikettdiensten leisten, eine Woche mehr Ferien im Jahr.
E. F.: Aber mit einer Woche Ferien ist das ja niemals kompensiert?
R. R.: Zum Teil schon … Aber wir haben kürzlich herausgefunden, dass sogar die zusätzliche Ferienwoche nicht für alle beim «Tagi» gilt: So etwas darf natürlich nicht sein im gleichen Haus.
E. F.: Wir haben eine Regelung im Gesamtarbeitsvertrag – im Gegensatz zu den JournalistInnen haben wir ja noch einen GAV – wonach «unregelmässige Arbeitszeit» am Samstag nach 17 Uhr mit Zuschlägen abgegolten werden muss. Das Problem ist nur, dass der Samstag im Buchhandel als ganz normaler, regulärer Arbeitstag gilt. So wird diese Regelung zum Papiertiger: Sie ist nur für BuchhändlerInnen relevant, die in Kantonen arbeiten, wo die Läden samstags um 17 Uhr oder noch früher schliessen.
Und wie sieht es mit den Löhnen aus?
E. F.: Eine Studie des Seco besagt, dass in jenen Ländern, die die totale Liberalisierung eingeführt haben, die Durchschnittslöhne gesunken sind. Weil Ungelernte und Temporäre eingestellt wurden, die zu tieferen Löhnen arbeiten. Durch die Flexibilisierung kommen vor allem StundenlöhnerInnen zum Einsatz.
R. R.: Wenn StundenlöhnerInnen als Manipuliermasse missbraucht werden, sehe ich auch ein grosses Problem. Die meisten Detailhändler behaupten zwar, es gehe nicht ohne – aber der deutsche Discounter Lidl zum Beispiel beschäftigt keine StundenlöhnerInnen. Diese sind kaum gewerkschaftlich organisiert und können sich entsprechend schlecht wehren. Im «Tagi» gibt es übrigens – durch die Pensenreduktionen – auch plötzlich viel mehr Teilzeitangestellte. Trotzdem: Ich bin skeptisch, dass eine weitergehende Liberalisierung eingeführt wird. Wer will denn schon am Samstagabend noch ein Buch kaufen? Da macht man sich doch eher bereit zum Ausgehen oder unternimmt etwas mit der Familie. Bei den Lebensmitteln sehe ich eher ein Bedürfnis. Diesbezüglich hat sich die Gesellschaft tatsächlich verändert. Die KonsumentInnen wollen jederzeit und jeden Tag frisches Brot kaufen können. Vielleicht muss man das einfach akzeptieren und dafür klare Regeln für das Personal erkämpfen?
E. F.: Aber wenn gewisse Läden, wie die Tankstellenshops, offen sein dürfen, warum dann die anderen nicht? Darum wehren wir uns ja so vehement gegen die Vorreiterrolle, die den Lebensmittelläden zugeschoben wird: Die Gesetze sollten doch für alle gelten! Also auch für die KollegInnen im Lebensmittelhandel. Das sind zudem traditionelle Frauenbranchen, in denen die Löhne tief liegen. Es sind die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft, die den Schutz des Staates und der Gesetze –und der Gewerkschaften – brauchen.
R. R.: Da gebe ich dir einerseits recht, andererseits glaube ich, dass sich das von selbst reguliert: Die Umsatzsteigerung deckt ja niemals die höheren Lohnkosten. Und wenn alle offen bleiben dürften, würden die Umsätze für den Einzelnen noch geringer. Das lohnt sich nur in den Zentren der Grosstädte, aber sonst legt man drauf.
Braucht es ein Umdenken?
E. F.: Es ist schwierig, da zu argumentieren, ohne gleich ins Religiöse abzudriften, aber ich finde es halt schön, am Sonntag etwas unternehmen zu können, ohne dass man in die Kirche geht – und ohne dass man einkauft. Und nochmals: Natürlich wäre es gut, all das im GAV zu regeln. Was aber jetzt auf allgemeinpolitischer Ebene diskutiert wird, sind die Ladenöffnungszeiten. Und darauf müssen wir reagieren. Rückgängig machen liesse sich eine Flexibilisierung kaum. Und um einen besseren GAV müssen wir uns sowieso immer kümmern.
Moderation: Nina Scheu
erschienen im comedia-Magazin «m» 12/2009