Artikel drucken

Edipresse: Aufruhr in der Romandie

Nur schlechte Nachrichten: gestrichene Stellen, gekürzte Pensen, aufgehobene 13. Monatslöhne, eingestellte Zeitungen, sogenannt freiwillige Abgänge, vorzeitige Pensionierungen und so weiter. Die Arbeitgeber geben der Krise die Schuld. Nach Ansicht von comedia benutzen sie diese aber nur als Vorwand, um mehr Geld zu scheffeln.
 
Am 17. September segnete die Wettbewerbskommission (Weko) die Übernahme der Schweizer Aktivitäten der Westschweizer Gruppe Edipresse durch Tamedia ab – die Zeitschrift «Bilan» und das Luxussegment sind ausgenommen. Die Behörde ist – theoretisch – für das Einhalten der Wettbewerbsregeln zuständig. Seitdem offiziell grünes Licht erteilt wurde, dreht sich das Karussell der Umstrukturierungen und Entlassungen bei Edipresse in rasendem Tempo.
 
Erste Köpfe rollen
Als erstes direktes Opfer der Übernahme wurde die Gratiszeitung «Le Matin Bleu» zugunsten des ehemaligen Konkurrenten «20 minutes» geopfert. Zehn Arbeitsstellen wurden gestrichen, ohne dass Redaktion oder Sozialpartner vorgängig konsultiert worden wären. Der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Westschweizer JournalistInnen sieht jedoch ein solches Vorgehen vor. Ein erstes Sitin, welches die Redaktionen am 23. September durchführten, veranlasste die Direktion von Edipresse schliesslich dazu, Gespräche mit den VertreterInnen der Redaktionen und dem Berufsverband Impressum zu akzeptieren – so konnte der Schaden in Grenzen gehalten werden. Am 28. September strich die Tageszeitung «Le Temps» zehn Stellen und nahm mehr oder weniger freiwillige Kürzungen der Arbeitszeit vor. Den Entlassenen wurde ein Sozialplan in Aussicht gestellt. Das Konsultationsverfahren, das der GAV der Westschweizer JournalistInnen fordert, ermöglichte zumindest eine Reduktion der Anzahl Arbeitsstellen, die gestrichen werden sollten (ursprünglich 16).
 
Entlassungen trotz Gewinne
Am 9. Oktober geriet die Westschweizer Presse ein zweites Mal ins Zittern, als Edipresse die Streichung von 100 Stellen (von insgesamt 1124 Vollzeitstellen) ankündigte. Die Direktion begründet ihren Entscheid mit Werbeeinbussen von 25 Prozent. Trotz der Krise schrieb Edipresse Schweiz im ersten Semester 2009 aber weiterhin Gewinne. Das Betriebsergebnis vor den Abschreibungen (Ebitda) als massgebliches Resultat beträgt 22,5 Millionen Fanken, was einer Marge von 13 Prozent entspricht (gegenüber 5,3 Prozent bei Tamedia).

Die Umstrukturierung betrifft alle Bereiche, insbesondere aber die Druckerei, in der 50 Stellen gestrichen werden sollen. Bei den Redaktionen geht man von rund 30 Stellen aus. In den Produktionsdiensten sollen 20 Stellen gekürzt werden. Die Entrüstung der Angestellten ist gross. Viele von ihnen nahmen am 12. Oktober an einem Sit-in teil, das von comedia unterstützt wurde. Rund 300 Personen aus allen Unternehmensbereichen versammelten sich vor dem Edipresse- Turm in Lausanne.
 
Aufnahme der Beratungen
Am gleichen Tag begannen die Verhandlungen – gesondert für die Redaktionen, für den Druckereibereich und für die Produktionsdienste. Da comedia nur den GAV der grafischen Industrie unterzeichnet hat, kann die Gewerkschaft nicht an den Beratungen für die Redaktionen teilnehmen. Angestrebt wurden eigentlich gemeinsame Verhandlungen, aber die Meinungen darüber waren geteilt. Somit ist ein anderes Verfahren zu wählen, um möglichst koordiniert vorgehen zu können. Die Beratungen werden mindestens bis zum 23. Oktober dauern. comedia möchte die Entlassungen in Kurzarbeit, vorzeitige Pensionierungen oder Arbeitszeitreduktionen umwandeln. Auf die erste Forderung hat die Direktion mit Zurückhaltung reagiert.
 
Fabia Bottani und Yves Sancey

undefinedDossier Tamedia

undefinedDossier Edipresse (frz.)