Artikel drucken

Nach dem Stellenmassaker

An Kongressen und festlichen Anlässen reden die Verleger gerne von Qualität. Nur die Qualitätszeitung werde als Kaufzeitung überleben, nicht das Newsblatt mit den billigen Stoffen, heisst es dann. Einzig Blätter mit ausgefeilten Texten, Hintergrundseiten und Analysen hätten gegen das Internet noch eine Chance, sagen auch Zeitungsdesigner und schicke Markenforscher wie Javier Errea oder Tyler Brûlé.

Wir JournalistInnen hören das gerne. Selbstverständlich, denn uns liegt etwas an unserem Beruf. Ausserdem setzen wir jeden Tag den eigenen Namen auf unsere Produkte. Wenn wir oberflächlich recherchieren oder lausig schreiben, dann sieht das am nächsten Tag die ganze Welt. Wie schön wäre es doch, wenn die Verleger tatsächlich an die Zukunft der Qualitätszeitung glauben würden. Sie täten dann einiges dafür, dass wir täglich solide und sorgfältige Arbeit abliefern könnten.

Aber leider meinen die Verleger mit Qualität etwas anderes. Während ich diese Zeilen schreibe, geht gerade die Meldung von den Massenentlassungen beim Zürcher «Tages-Anzeiger» und beim Berner «Bund» über die Agenturen. Ein Viertel der «Tagi»-Redaktion wird abgebaut. Ein Drittel der Stellen beim «Bund» verschwindet. Im einen Fall sind es 50, im anderen 22 Vollzeitstellen, ferner sieben Stellen in der Tamedia-Druckerei. Hinzu kommt eine bisher nicht bezifferte «Anzahl» fester Freier, die ihr berufliches Auskommen verliert.

Tamedia ist ein reiches Haus, das mit ungeheuren, von seinen Angestellten erarbeiteten Reserven seit Jahren Verlag um Verlag erwirbt, Titel um Titel kauft. Und kaum ist die Massenentlassung verkündet, redet der Tamedia-Verwaltungsratspräsident schon wieder von Qualität: Es werde nun, nach dem Stellenmassaker, «die beste Zeitung der Schweiz» entstehen, sagt Pietro Supino. Er sagt bloss nicht wie.

Stefan Keller
Präsident Sektor Presse und elektronische Medien