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Lüften wir den Schleier!

Die Kommunikationsstrategie der Tamedia- und Edipresse-Spitzen war gut durchdacht. Die Pressekonferenz zum Auftakt fand in der Westschweiz am Sitz von Edipresse statt, das zweite Treffen mit den Medien in Zürich am Tamedia-Sitz. Das geschah nicht zufällig.

Bei der Ankündigung des Tamedia-Edipresse-Deals musste in der Romandie eine Reaktion vom Typ «Nein zum Diktat der Zürcher Patrons!» vermieden werden. Auch der Inhalt der Information war genau abgewogen, und gekonnt wurde die Taktik der Verschleierung angewendet. Versuchen wir, den Schleier zu lüften.

Drei Schritte durch den Nebel

  1. Damit das neue Unternehmen kleiner erscheint, als es in Wirklichkeit sein wird, wird es als die viertgrösste Mediengruppe der Schweiz präsentiert, und sogar das nur in der Möglichkeitsform. Zu diesem Zweck zeichnete die Übersicht in der Pressemappe von Edipresse und Tamedia ein zumindest eigenartiges Bild der helvetischen Medienwelt. So führt die Publigroupe die Rangliste der grössten Medienhäuser (nach Umsatz) an. Die Publigroupe ist aber eine Werbevermittlerin. An zweiter Stelle folgt die SRG. Diese ist jedoch eine öffentliche Radio- und Fernsehanstalt und keine private Gruppe. Sie muss über ihren Auftrag Rechenschaft ablegen, was beim künftigen «Tamedia-Imperium» nicht der Fall sein wird … Schliesslich folgt auf dem dritten Rang Ringier. Hier spielt man etwas mit den Zahlen: Man führt den Gesamtumsatz von Ringier auf, einschliesslich der internationalen Aktivitäten des Unternehmens, die 40 Prozent des Ertrags ausmachen. Zur künftigen Tamedia-Gruppe wird aber nur das Inlandgeschäft von Edipresse zählen, das Auslandgeschäft gehört nicht dazu. Um Vergleichbares zu vergleichen, muss deshalb der von Edipresse in der Schweiz erzielte Umsatz zum Umsatz der gegenwärtigen Tamedia gezählt werden. So zeigt sich klar, dass das neue Unternehmen in Wirklichkeit bei den Pressegruppen in der Schweiz an erster Stelle stehen wird.
  2. Was die angestrebten Einsparungen (von den Spitzen der beiden Verlagshäuser euphemistisch Synergien genannt) betrifft, so war in der Presse überall von 30 Millionen Franken die Rede – einer Zahl, von der auch Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino spricht («Handelszeitung», 4. März 2009). Bei aufmerksamer Lektüre des Pressedossiers zeigt sich aber, dass es dabei in Wirklichkeit um 30 Millionen Franken pro Jahr geht – und das bis Ende 2012, also um insgesamt 120 Millionen Franken. Ein solches Resultat dürfte kaum nur mit Einsparungen beim Büromaterial erreicht werden!
  3. In Erwartung dieser 120 Millionen Franken Einsparungen bei den Kosten will die Führung des neuen Unternehmens eine Rentabilität (Betriebsergebnisses vor Abschreibung auf dem Umsatz) von 15 bis 20 Prozent erzielen. Man erinnert sich, dass Edipresse 2008 eine Rentabilität von 15 Prozent bei Kosteneinsparungen von 20 Millionen Franken pro Jahr vorsah. Das «Tamedia-Imperium» setzt die Latte noch höher!
Bruno Clément