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TA-Sozialplan: Erfolg mit bitterem Beigeschmack

TA-Kundgebung vom 1. Juli 2009
TA-Kundgebung vom 1. Juli 2009

Noch vor wenigen Wochen hätte sich kaum jemand vorstellen können, dass JournalistInnen für ihre Rechte auf die Strasse gehen. Am allerwenigsten wohl die Unternehmensleitung von Tamedia, die entsprechend skrupellos ihre Beschäftigten auf eben diese Strasse stellte. Nicht zuletzt der Arroganz der Unternehmensleitung ist es zu verdanken, dass sich das Entsetzen der Redaktion in Solidarität und Willen zum Widerstand verwandelt hat.

Denn dieses Entsetzen war gross. Nicht nur, weil so viele verdiente und erfahrene KollegInnen entlassen wurden, sondern auch, weil Tamedia sich von Anfang an aus der Verantwortung zu stehlen versuchte. Die versprochenen «Angebote zur Frühpensionierung» waren so schäbig, dass sie sich niemand hätte leisten können. Und der zunächst vorgestellte Sozialplan war nicht mehr als ein verächtlich hingeworfenes Hungertuch.

Für Empörung sorgten auch schönfärberische Aussagen von Unternehmensleitung und Chefredaktion, die den LeserInnen in Zukunft eine «noch bessere Zeitung» versprachen. Diese soll bis zur Neulancierung im September von der verbleibenden Dreiviertelredaktion ausgetüftelt und umgesetzt werden.

Drei Mal öffentlicher Protest
Drei Mal hat sich die Redaktion zum öffentlichen Protest versammelt. Erstmals, als die Zahl der Kündigungen publik wurde, am 26. Mai. Genau einen Monat später, am 26. Juni, trafen sich rund 70 Redaktionsmitglieder auf dem Werdplatz und besuchten die Verhandlungsrunde, die aufgefordert wurde, einen Sozialplan abzuschliessen, mit dem Tamedia ihr ramponiertes Image wieder aufpolieren könne. Die dritte Aktion wurde nötig, als bekannt wurde, dass Tamedia auch in anderen Redaktionen Personal entlässt, die Betroffenen aber am Sozialplan vorbeischmuggeln will.

Innert knapp 18 Stunden gelang es comedia, die in der Redaktion zusammengetragenen Slogans auf Transparente und Protesttafeln zu drucken, eine Lautsprecheranlage zu organisieren und die Demonstrationsbewilligung einzuholen. Zwar kamen aufgrund der kurzen Mobilisierungsdauer nur etwa 200 Leute – LeserInnen, Medienschaffende und Betroffene – am 1. Juli auf den Zürcher Helvetiaplatz, aber die Möglichkeit zum Meinungsaustausch war hilfreich: Wut, Unverständnis und Besorgtheit wandelten sich in Motivation zum Widerstand.

Ränkespiele der Arbeitgeber
Erst dann ging es mit den Verhandlungen vorwärts und sie konnten, nach letzten Ränkespielen der Arbeitgeberseite, mit der Unterzeichnung eines anständigen Sozialplans und zweier separater Frühpensionierungsmodelle abgeschlossen werden. Die Unternehmensleitung hatte die Situation bis zum Schluss unterschätzt. Mit ihrer Stillosigkeit, die nicht zuletzt den Inhalt der (noch) grössten (noch) halbwegs ernst zu nehmenden Schweizer Tageszeitung bedroht, hat sie die Redaktion aufgerüttelt und ihre Solidarität für die KollegInnen aus anderen Redaktionen gestärkt.
Die redaktionsinterne «Gruppe 230» bleibt bestehen und wird den Umbau zum Dreiviertel-«Tagi» nötigenfalls auch mit öffentlichen Kommentaren und Aktionen begleiten. Mit ihr zusammen bleiben wir dran, denn auch das Engagement der Gewerkschaft wird über den Sozialplan hinausgehen.

Nina Scheu

Das enthält der TA-Sozialplan

(gilt für «Tages-Anzeiger» und Druckzentrum Bubenberg)

  • Verlängerung der ordentlichen Kündigungsfrist um bis zu drei Monate oder Ausgleich eines Einkommensunterschieds bei Arbeitslosigkeit oder Antritt einer neuen Stelle während maximal zwölf, für Unterstützungspflichtige während 18 Monaten.
  • ArbeitnehmerInnen, die keine Frühpensionierung wählen, erhalten darüber hinaus eine Abgangsentschädigung im Umfang von mindestens einem Monatslohn
  • Feste Freie werden den Festangestellten gleichgestellt.

Stellungnahme von comedia zum TA-Sozialplan

Nach langen und zähen Verhandlungen haben sich die Personalkommissionen des «Tages-Anzeigers» und des Druckzentrums Bubenberg sowie die Arbeitnehmendenorganisationen comedia und impressum mit der Delegation von Tamedia auf einen Sozialplan und eine Vereinbarung für Frühpensionierungen geeinigt.
Trotz des Verhandlungserfolgs bedauern die Vertreter der Arbeitnehmenden, dass die Entlassungen von über 80 Mitarbeitenden sowie die Pensen- und Lohnreduktionen von rund vierzig Betroffenen nicht rückgängig gemacht werden konnten.

 
Der jetzt verabschiedete Sozialplan liegt weit über dem ursprünglichen Angebot von Tamedia. Zuerst wollte das Unternehmen 23 Entlassenen im Alter über 58 Jahren zumuten, dass sie ihre Frühpensionierung aus der eigenen Tasche bezahlen. Die Personalkommission, Gewerkschaften und Verbände haben erreicht, dass Tamedia jetzt zwei Frühpensionierungsmodelle zur Auswahl stellt und faire finanzielle Überbrückungen zahlt. Eines dieser Modelle entstand auf persönliche Initiative von Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino.
 
Auch für jüngere Entlassene sehen die Angebote sehr viel besser aus als zu Beginn der Verhandlungen: Neben einer allgemeinen Abgangsentschädigung von einem Monats­gehalt erhalten sie bei Arbeitslosigkeit die Wahl zwischen Ausgleichzahlungen während mindestens eines Jahres und einer verlängerten Kündigungsfrist bis zu drei Mal einem Monat.
 
Die Versammlung von Redaktionsmitgliedern und Druckereiangestellten hat am Freitag, 3. Juli, dem Verhandlungsergebnis grundsätzlich zugestimmt. Sie richtete gleichzeitig einen Appell an die Unternehmensleitung, dass der nun ausgehandelte Sozialplan sowie das separate Abkommen über die Frühpensionierungen dem Unternehmen auch bei künftigen Entlassungen als Richtschnur diene. Dies ist umso wichtiger als aufgrund des kommenden Vier-Bund-Konzepts für den «Tages-Anzeiger» die nächsten Entlassungen im Druckereizentrum bereits absehbar sind.
 
Die substanziellen Annäherungen waren nur möglich, weil die TA-Redaktion geschlossen und solidarisch hinter den Forderungen ihrer Personalkommission stand und diese Haltung mit drei Kundgebungen und auf der Website www.rettet-den-tagi.ch deutlich machte. Zum Erfolg trug auch der wachsende öffentliche Druck aus der TA-Leserschaft, das Engagement von politischen und kulturellen Kreisen und der wachsame Blick von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Medien bei. Ihnen allen sei herzlich gedankt.
 
Tamedia hat im Zuge der Massenentlassung auch zwei Mitgliedern der TA-Personalkommission gekündigt. Dies, obwohl das Arbeitsrecht die Kündigung von gewählten Personalvertretern als missbräuchlich bezeichnet (Art. 336 Abs. 2 lit. b OR). Unabhängig vom Sozialplan wird daher ein Gerichtsverfahren zum Schutz von Personalvertretern bei Tamedia eingeleitet.