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Zürcher Mediendiktat

Der Zürcher Tamedia-Konzern ist auf dem Weg zum Medien-Monopolisten, der den Schweizer Markt und die Verlags- und Druckbranche weitgehend beherrschen wird. Die Übernahme von Edipresse wird vielerorts als massive Attacke auf die Mitarbeitenden, die Arbeitsplätze, die Medienvielfalt und die Romandie gesehen.

Der Zürcher Tamedia-Konzern übernimmt das Westschweizer Verlagshaus Edipresse. Diese Nachricht schlug am 3. März wie eine Bombe ein. Tamedia wird damit zum praktisch grössten Player im Schweizer Mediengeschäft mit 1,25 Milliarden Franken Jahresumsatz. Es ist die bisher grösste Übernahme in der Verlagsbranche der Schweiz. Das Imperium der Zürcher reicht künftig vom Bodensee bis nach Genf und vom Jurabogen bis ins Berner Oberland (ausgenommen sind das Oberwallis und die Kantone Tessin und Graubünden). Es besteht aus zwei TV- und zwei Radiostationen, aus einer Reihe von Onlineplattformen sowie aus rund 40 Zeitungen und Zeitschriften, davon alleine zwölf Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 700 000 Exemplaren.

Die Folgen sind für die Schweizer Medienlandschaft verheerend: Tamedia ist auf dem Weg zum Monopol. Die Zürcher werden künftig den Schweizer Markt und die Verlagsbranche weitgehend beherrschen. «Kein Kall-Schlag gegen die Mitarbeitenden, die Medienvielfalt und die Romandie», forderte die Mediengewerkschaft comedia am Tag der Bekanntgabe der Fusion in einer Erklärung.

comedia und Parteien verlangten, dass die Wettbewerbskommission (Weko) die Übernahme verhindert. Ein Veto der Weko haben allerdings die Verantwortlichen als mögliches Szenario gar nicht vorgesehen. Sollte dieser schlimmste Fall jedoch eintreten, dann würde Edipresse mit einem anderen Schweizer Partner verhandeln. Das deutete Verwaltungsratspräsident Pierre Lamunière vor den Medien an, ohne dabei den Ringier-Verlag ausdrücklich zu nennen.

Stellenabbau hat schon begonnen
Die 226 Millionen Franken, die Tamedia im ersten Schritt für die 49-Prozent-Beteiligung an Edipresse zahlt, will der Konzern wieder einspielen – mit Restrukturierungen und Kostendiktaten. Die erste Sparaktion wurde gleich am ersten Tag publik: Die Gratiszeitungen «20 minutes» (Tamedia) und «Le Matin Bleu» (Edipresse) werden zusammengelegt. Das kostet 20 von 70 Beschäftigten den Job.

Tamedia-Konzernchef Martin Kall will mit dem Zusammengehen mit Edipresse bis 2012 Jahr für Jahr Einsparungen von rund 30 Millionen Franken erzielen. Dazu kann Kall bis jetzt noch keine Fakten liefern, aber es ist anzunehmen, dass er, wie bereits in Bern bei Espace, jede Ecke nach Spar- und Synergiepotenzial absuchen wird. Dort hat der knallharte Rechner bereits 3,8 Millionen Franken herausgeholt. Fürs nächste Jahr rechnet er mit zwölf Millionen. Ähnliches wird zu Beginn auch bei Edipresse anstehen.

Grosse Sparrunde steht bevor
Doch die grosse Sparrunde steht erst noch bevor und wird sich zunächst in Zürich und Bern abspielen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die weitere Zukunft des Tamedia-Flaggschiffes «Tages-Anzeiger». Der «Tagi» soll auf eine Vierbundzeitung reduziert und die Redaktion ausgedünnt werden. Wie viele Stellen das kosten wird, ist derzeit noch offen und hängt auch davon ab, ob Tamedia auf dem Platz Bern mit zwei Zeitungen («Berner Zeitung» und «Bund», der eng mit dem «Tages-Anzeiger» zusammenarbeitet) operieren wird oder ob «Bund» und «Berner Zeitung» fusionieren werden. Bis zu den Sommerferien ist mit definitiven Entscheiden zu rechnen und bis dahin zittern die Beschäftigten auf den Redaktionen, denn niemand weiss, wen es treffen wird.

Online gibt den Takt vor
Publizistisch gesehen soll sich der «Tages-Anzeiger» von der Aufbruchstimmung der Onlineplattform Newsnetz inspirieren lassen, näher zum Publikum gehen und süffiger sprich boulevardiger werden. Erstmals in der Schweizer Mediengeschichte beeinflusst Online per Verlagsdoktrin den Journalismus einer Qualitätstageszeitung. Der «Tages-Anzeiger» wird damit bei einem breiteren Publikum positioniert.

Das hat mittelfristig Folgen für das ganze Tamedia-Imperium. Denn auch die Edipresse-Titel sollen ins Newsnetz integriert werden. Martin Kall will die grösste Internetplattform schaffen und im Onlinewerbemarkt 2,3 Millionen Unique Users erreichen. Das ist gleichzeitig eine Kampfansage an Google, Facebook und Co. Es ist davon auszugehen, dass das Newsnetz dann um eine französischsprachige Onlineredaktion ergänzt wird.

Wie stark sich der Journalismus von Newsnetz (einmal abgesehen vom «Tages-Anzeiger») auch auf die publizistischen Inhalte und damit auf die Qualität weiterer (Westschweizer) Zeitungen auswirkt, bleibt abzuwarten. Medienbeobachter meinen, die Newsnetz-Redaktion mache bereits den härteren Boulevardjournalismus als der «Blick». Deshalb ist gut nachvollziehbar, dass man zum Beispiel bei der Westschweizer Qualitätszeitung «Le Temps», an der Tamedia und Ringier je 44 Prozent halten, mit grossem Interesse die Entwicklung beim «Tages-Anzeiger» verfolgt.

René Worni