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25.11.09

Tag der Typografie 2009

Am Tag der Typografie in Bern präsentierte der russische Designer Eric Belussov seine Arbeit. Er ist Mitglied des erfolgreichen Moskauer DesignerInnenteams Ostengruppe. Die russische Hauptstadt ist eine Inspirationsquelle für die Plakatgrafik der umtriebigen DesignerInnen. Ein Blick auf die besondere Ästhetik ihrer Plakate lohnt sich.



Selbst wer der russischen Sprache mächtig ist, erkennt die Botschaften auf den Plakaten der Ostengruppe oft nur mit Mühe. «Die detaillierten Hinweise werden heutzutage durch andere Medien abgedeckt, sie müssen nicht mehr vollständig und lesbar auf den Plakaten aufgeführt sein», erklärt der russische Designer Eric Belussov. Für ihn haben Plakate die Aufgabe des einfachen Informierens verloren. «Plakate müssen lediglich Präsenz markieren und Emotionen darstellen», ist Belussov überzeugt. 2002 gründete er mit Igor Gurovich und Anna Naumova das Moskauer DesignerInnenteam «Ostengruppe», ein Jahr später stiess Dmitri Kavko dazu. Viele ihrer Plakate wurden international prämiert und die Gruppenmitglieder nehmen regelmässig an nationalen und internationalen Workshops teil.
 
Ungewöhnliche Plakate
Verspielt, unübersichtlich, überladen – die Plakate der Ostengruppe wirken auf die meisten Betrachtenden zuerst einmal ungewohnt. «Macht doch mal ein normales Plakat», wurde Belussov deshalb schon aufgefordert. Er bricht bewusst mit der russischen Plakattradition. Diese bestand über Jahrzehnte aus symbolträchtiger politischer Agitation. «Lange Zeit war die ideologische Ausrichtung des Designers das wichtigste Auswahlkriterium», sagt der 1964 in Tadschikistan geborene Beloussov. Die Plakatgrafik des sozialistischen Realismus kultivierte ein abstruses Heldenbild. So zum Beispiel während der Kriegszeit, als auf einem Plakat eine erhobene Faust und wehende Fahnen dazu aufriefen, sich freiwillig zum Einsatz an der Front zu melden


 
Mehr Menschlichkeit anstreben
Doch auch die Plakatgestaltung nach dem Zusammenbruch der UdSSR kann Belussov nicht überzeugen. «Die meisten Plakate im öffentlichen Raum versuchen zu informieren, lassen aber keine Reaktion zu. Es wird nicht erwartet, dass die Betrachtenden selber denken», stellt er fest. Belussov orientiert sich lieber an der Sprache der einfachen, von Hand geschriebenen Plakate aus dem Alltagsleben, sei es ein kleines Schild vor einer Bar oder ein Hinweis auf einen Ausverkauf. Er nennt solches «Volkskunst» und erkennt darin Menschlichkeit, die er in der traditionellen russischen Plakatkunst vermisst. Die Mitglieder der Ostengruppe arbeiten an einer neuen, emotionaleren und menschlicheren Plakatsprache. «Für mich sind Plakate ein Experimentierfeld», erklärt Belussov seine spielerische Art der Plakatgrafik.
 
Collagen als Ausdrucksmittel
Da die kyrillische Schrift wenig Auswahl an Schriftsätzen bietet, ist die Kreativität der Ostengruppe gefordert. Ihre DesignerInnen entwerfen eigene Schriftzeichen oder verwenden Handschriften. Selbst chinesische Kalligrafie setzen sie als gestalterisches Mittel ein, was gut zu ihren Plakaten passt, da bei diesem Schriftstil der eigentliche Text und seine Lesbarkeit bewusst in den Hintergrund gerückt werden. Ein typisches Merkmal der Ostengruppe ist die Arbeit mit Collagen, womit sie eine abstrakte Formensprache schafft. «Wir möchten mit dieser Ästhetik zeigen, was wir unter Konstruktivismus verstehen», sagt Belussov. Und was ist sein Rezept für diese Fülle an Kreativität? «Wir haben aufgehört, Designbücher zu studieren. Stattdessen sehen wir uns lieber einen Film an und setzen uns mit verschiedenen künstlerischen Ausdrucksweisen auseinander», schmunzelt Belussov.
 
Verspielte Plakatgrafik
Die Ostengruppe gestaltete Hunderte von Plakaten im kulturellen Bereich, sei es für Theateraufführungen, Musikgruppen, Tanzfestivals oder Ausstellungen. Die Plakate wirken teilweise verwirrend oder sogar verstörend. Belussov ist sich dessen bewusst: «Vieles ist übertrieben, manchmal stellen wir wohl zu hohe Anforderungen an die Betrachtenden.» Dazu gehören auch Provokationen, die Ostengruppe zielt dabei auch mal unter die Gürtellinie. Doch es ist wohltuend, dass diese Frechheit nicht kalkuliert erscheint, dass sie eher beiläufig und mit einer gewissen Naivität einhergeht. «Wir kultivieren diesen uns eigenen dilettantischen Blick», meint Belussov augenzwinkernd. «Es gibt aber immer einen Leitgedanken hinter dem Plakat – wobei dieser nicht tiefgründig sein muss.» Auch diese Aussage macht die Lockerheit im Umgang mit Design erkennbar.
 
Kleines Budget, starke Ideen
Eric Belussov stellte die Arbeiten der Ostengruppe am Tag der Typografie Ende Oktober in Bern vor. An der von der comedia organisierten Tagung zeigten auch Ludovic Balland und Franziska Burkhardt Einblicke in ihre grafischen Arbeiten. Mélanie Kern referierte anschaulich über Calvin und die visuelle Reformation. Und Caroline de Lint, selbstständige Gestalterin und Dozentin für Typografie aus dem niederländischen Voorburg, beeindruckte mit ihrer Motivation, mit einfachen Mitteln Schönes zu schaffen. Viele ihrer AuftraggeberInnen verfügen über ein kleines Budget, was Caroline de Lint aber eher als Herausforderung denn als Einschränkung versteht. «Die kleinen, subtilen Dinge sind wichtig für mich», betont sie. Und diese Art des typografischen Denkens erinnert dann auch wieder an die Philosophie der Ostengruppe.
 
Patrick Bachmann


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