Sie ist erfolgreich. Sie packte ihre Chancen. Sie fördert Frauen, wo immer sie kann. Sie befürwortet die Frauenquote. Aber an die nationale Frauendemo vom 13. März kommt sie nicht. Nicht weil sie die Anliegen nicht unterstützt, sondern weil sie anderswo mehr bewirken kann. Finanzfachfrau Antoinette Hunziker im Gespräch.
«m»: 2005 waren Sie für das Präsidium der Eidgenössischen Bankenkommission (heute Finma) im Gepräch. Was hätten Sie als Frau anders gemacht im Umgang mit der Finanzkrise?
Antoinette Hunziker: Als ehemalige Derivathändlerin hätte ich das Wachstum dieser Produkte verfolgt und erkannt, wie weit sie sich von der Realwirtschaft entfernt hatten. Ich hätte grössere Transparenz verlangt sowie eine starke Regulierung. Bereits als Chefin der Schweizer Börse war es mir ein Anliegen, dass alle MarktteilnehmerInnen gleich lange Spiesse haben. Damals wurde ich Gewerkschafterin genannt.
Sie hätten für jene Stelle Ihren Lohn durch 5 teilen müssen. Vorstellbar?
Ja. Und ich habe heute als Unternehmerin tatsächlich weniger Lohn. Das ist ein gesunder Prozess, auch für meinen 17-jährigen Sohn.
Vor drei Jahren haben Sie sich selbstständig gemacht, sind aber in der Finanzbranche geblieben. Treffen Sie auf Frauen in hohen Positionen?
Selten. Es belastet und frustriert mich, dass es nicht besser wird.
Warum findet man immer noch kaum Frauen in Führungspositionen?
Einerseits daran, dass manche Chefs sich die Zusammenarbeit mit Frauen in der Geschäftsleitung nicht vorstellen können, weil sie ein anderes Frauenbild haben. Anderseits fehlt gewissen Frauen der Mut und die Selbstsicherheit. Zum Glück machten meine Eltern nie einen Unterschied. Mein Bruder, meine Schwestern und ich hatten die gleichen Chancen und Pflichten. Und dann fehlt oft die Infrastruktur: Die erste Kinderkrippe, die mein Sohn besuchte, habe ich selber gegründet.
Mehr Frauen in den Verwaltungsräten: Das ändert noch nichts daran, dass Frauen in schlecht bezahlten Berufen prekarisiert werden.
Deswegen müssen deutlich mehr Frauen in verantwortungsvolle Positionen und in die Geschäftsleitungen, dort werden die Lohnsysteme besprochen.
Die Frauen sind also selbst schuld?
Nein, aber es ist wichtig, Vorbild zu sein. Ich rede mit meinem Sohn zum Beispiel über Rollenverständnis. Und der Staat muss Betreuungsangebote finanzieren. Die Erziehung kleiner Kinder darf man nicht dem Zufall überlassen.
Und was können die Männer tun?
Sich das Ziel setzen, mehr Frauen ins Management zu befördern.
Sie befürworten also die Frauenquote?
Ich war lange dagegen. Doch mittlerweile sehe ich keine andere Möglichkeit.
Der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern beträgt noch fast 20 Prozent. Was für Lösungen sehen Sie?
Zuerst muss dieses Gefälle sichtbar gemacht werden. Ich bin dafür, dass Unternehmen ausweisen, wie viel sie an wen zahlen, zum Beispiel im Jahresbericht. Und FinanzanalystInnen sollten faire Löhne als Kriterium in ihre Bewertung aufnehmen.
Was halten Sie von der geplanten Frauendemo am 13. März?
Alle Mittel, das Bewusstsein zu steigern, sollen genutzt werden. Ich selbst kann durch meine Arbeit mehr bewirken.
Wie und wo fördern Sie Frauen?
Bei Forma Futura arbeiten zur Hälfte Frauen, und zwar auf allen Ebenen, ich habe gute Erfahrungen damit gemacht. Wir führen die Firma zu dritt, zwei sind Frauen. Auch Männer ermuntere ich, Teilzeit zu arbeiten, zurzeit hat ein Angestellter ein 80-Prozent-Pensum.
Was empfehlen Sie Frauen, die weit kommen wollen?
Es ist wichtig, Ziele und Visionen zu haben und sich seines Werts bewusst zu sein. Und nicht alles mit sich machen zu lassen! Nicht nur das Ziel zählt, sondern auch der Weg. Deshalb meine Forderung nach Nachhaltigkeit. Das macht Ökonomie sinnvoller und trägt zur Steigerung der Lebensqualität bei.
Interview: Suleika Baumgartner
Antoinette Hunziker-Ebneter
Die 49-jährige ehemalige Chefin der Schweizer Börse teilt ihre freie Zeit mit ihrem Sohn und ihrem Lebenspartner. Ende 2006 gründete sie mit einer Geschäftspartnerin und einem -partner die Forma Futura Invest AG, Vermögensmanagement für nachhaltige Lebensqualität für private und institutionelle AnlegerInnen.