Artikel drucken

Schwierigkeiten mit der Geschlechterdemokratie: Was ist zu tun?

Die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie ist für die Gleichberechtigung von Frau und Mann von zentraler Bedeutung. Das Gleichgewicht zwischen verschiedenen Lebensbereichen zu finden und in die Tat umzusetzen, gilt als eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Herausforderungen.

Berührt werden Fragen von Lebenseinstellung und Lebensstil. Es sind Fragen, die nicht nur den Willen der Einzelnen erfordern, sondern die politisch, gesellschaftlich und strukturell angegangen werden müssen.

Bessere Rahmenbedingungen
Gemäss dem Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann braucht es in erster Linie förderliche Rahmenbedingungen:

  • In der Wirtschaft: Lohngleichheit, Teilzeitarbeit, flexible Arbeitszeitmodelle, Elternurlaub;
  • bei der familienergänzenden Kinderbetreuung und im Schulsystem: Kinderkrippen, Tagesschulen, Blockzeiten;
  • in der Sozial- und Familienpolitik: Familienzulagen, Ergänzungsleistungen, Gutschriften für Familien;
  • bei den Sozialversicherungen: Familienlastenausgleich, Anerkennung der Leistungen von Familien, Erziehungs- und Betreuungsgutschriften;
  • in der Steuerpolitik: Reformen der Familienbesteuerung, Abzüge für Familien.
Die Vorschläge des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes gehen in die gleiche Richtung. Die Gewerkschaften haben erkannt, dass durch die Flexibilisierung der Arbeitszeiten und des Trends zu kapazitätsorientiertem Arbeiten, verlässlich Arbeitszeiten zunehmend verschwinden.  Gefordert werden familienverträglichen Tages-, Wochen-, Jahresarbeitszeiten; zudem sollen Arbeitnehmende mit Familienpflichten Arbeitszeitverkürzungen in Anspruch nehmen können, und die Teilzeitarbeit soll besser gestellt werden. Darüberhinaus werden existenzsichernde Mindestlöhne gefordert sowie Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern.

Es braucht eine Diskussion darüber, wie Gleichberechtigung definiert wird, was darunter konkreter zu verstehen ist. Ist Gleichberechtigung als Umsetzung des Gleichheitspostulats oder realistisch-pragmatisch als Angleichung zu verstehen? Oder müsste nicht eher auf dem Prinzip Gleichwertigkeit aufgebaut werden, die von einer Unterschiedlichkeit zwischen Frauen und Männern ausgeht?

Eine fortschrittliche Arbeitswelt muss sich daran messen lassen, inwiefern sie dem Kriterium der Geschlechtergerechtigkeit und der Geschlechterdemokratie Rechnung trägt. Erwerbsarbeit muss so verstanden und organisiert werden, dass sie nicht vom Rest des Lebens isoliert wird, sondern in sozialem und gesellschaftlichen Zusammenhang steht sowie Frauen und Männer in gleicher Weise am zivilgesellschaftlichen Leben teilhaben lässt.

Therese Wüthrich

Es handelt sich um einen gekürzten Text aus «Widerspruch» 55

 
Therese Wüthrich, Zentrale Frauen- sekretärin