Am 30. November kommt die gewerkschaftliche Volksinitiative für ein flexibles Rentenalter zur Abstimmung. "AHV ab 62 auch für mittlere und kleine Einkommen" lautet die Devise. Bei dieser wichtigen sozialpolitischen Forderung geht es um nichts weniger als um Gerechtigkeit für alle, die hart arbeiten und weniger verdienen.
Wie dringend nötig eine Frühpensionierungslösung im Rahmen der AHV ist, lehrt uns die Baubranche. Dort setzte die Gewerkschaft Unia 2002 in einem harten Arbeitskampf den flexiblen Altersrücktritt (FAR) durch. Der Kampf hat sich gelohnt: 5853 Bauleute zwischen 60 und 65 haben seit dem 1. Juli 2003 von der vorzeitigen Pensionierung profitiert. 3573 beziehen zur Zeit eine Überbrückungsrente von durchschnittlich 4400 Franken, finanziert mit Beiträgen der Arbeitgeber (4%) und der Arbeitnehmenden (1,3%).
Real wird "frühpensioniert"
Was auf dem Bau nötig und möglich war, soll nun in der AHV für alle Beschäftigten verwirklicht werden. Alle Statistiken und vor allem die Realität der Arbeitswelt sprechen dafür. Im Alter von 60 Jahren sind nur noch drei von vier Arbeitnehmenden erwerbstätig, im Alter von 64 Jahren ist es nur noch jeder Zweite. Die Arbeitgeber propagieren das AHV-Alter 67 und praktizieren das Gegenteil. Chefs und KadermitarbeiterInnen gehen, wie eine Studie der Universität Genf belegt, am häufigsten in die Frühpension, ausgestattet mit grosszügigen Vorzugsrenten. Die übrigen älteren MitarbeiterInnen werden auf billige Weise abgeschoben: im besten Fall über Sozialpläne, meistens aber über die Arbeitslosen-, die Invalidenversicherung und die Fürsorge. Sie werden entlassen, weil sie angeblich nicht mehr so leistungsfähig sind wie die Jungen, und sie finden oft schon ab 50 nur schwer einen neuen Job.
Soziale Ungleichheit ist tödlich
Alle wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen: Soziale Ungleichheit ist tödlich. Menschen, die im Leben zu kurz kommen, sterben früher. Umgekehrt lebt länger, wer eine gute Ausbildung, ein hohes Einkommen und einen privilegierten Beruf hat. Das Risiko, zwischen dem 45. und 65. Altersjahr zu sterben, ist bei Beschäftigten, die körperlich hart arbeiten, drei Mal so gross wie bei Studierten. Die Chance, das AHV-Alter zu erreichen, liegt bei einem Wissenschaftler bei 90, bei einem Fabrikarbeiter nur bei 72 Prozent.
Frauen noch schlechter dran
Zusätzlich benachteiligt sind heute die Frauen. Sie verdienen weniger als die Männer und bekommen deshalb eine kleinere Rente. Wegen des tiefen Lohnes haben sie oft nur eine kleine oder gar keine Rente. Und jetzt sollen sie mit der Erhöhung des Rentenalters auf 65 auch noch die unsoziale 11. AHV-Revision bezahlen. Die AHV ist das beste Sozialwerk, sie sorgt für sozialen Ausgleich. Doch so wie sie heute ausgestaltet ist, genügt sie nicht mehr. Der Skandal ist, dass Reiche, Privilegierte und Abzocker-Manager mit goldenen Fallschirmen in die Frühpension fliegen. Die Menschen mit mittleren und kleinen Einkommen müssen bis zum Umfallen "chrampfen", weil sie sich eine lebenslange Rentenkürzung von 6,8 Prozent pro vorbezogenem Rentenjahr nicht leisten können. Am 30. November kann das Volk dieser Ungerechtigkeit ein Ende setzen.
Beat Jost
Gerechtigkeit für Fr. 6.50 im Monat