Artikel drucken

JournalistInnen: Weniger in der Lohntüte

Die Lohnsituation der Medienschaffenden hat sich in den letzten zwei Jahren verschlechtert. Viele mussten Reallohneinbussen hinnehmen, wie die Studie «Löhne in den Medien 2006» feststellt. Die Umfrage, an der 1157 Personen teilnahmen, wurde von comedia gemeinsam mit dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund und weiteren JournalistInnenverbänden durchgeführt.

Es war höchste Zeit, dass die Einkommenssituation im Journalismus untersucht wird. Denn die letzten Daten, welche die Löhne der Schweizer Medienschaffenden analysierte, wurde 1998 erhoben. Inzwischen hat sich in der Medienlandschaft viel verändert. So herrscht seit August 2004 in den Printmedien ein vertragloser Zustand. Da ein neuer Gesamtarbeitsvertrag (GAV) bisher am Widerstand der Verleger gegen die Mindestlöhne scheiterte, ist mittelfristig mit einem stärkeren Druck auf die Löhne und einem zunehmenden Auseinanderklaffen der Lohnschere zu rechnen.

Die Studie «Löhne in den Medien 2006» wurde als gemeinsames Projekt aller Journalistinnenverbände durchgeführt und vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund tatkräftig unterstützt. Insgesamt konnten die Daten von 1157 Teilnehmenden ausgewertet werden. Dies sind rund 10 Prozent der Medienschaffenden in der Schweiz, was schlüssige Aussagen über die Löhne in allen Medienberufen erlaubt. Davon ausgenommen sind einzig die Freien, deren Lohnsituation die Studie nur beschränkt abbildet.

Durchschnittslohn 7200 Franken

Wie die Studie zeigt, verdienen Medienschaffende weiterhin vergleichsweise gut: Der Medianlohn liegt bei 7200 Franken brutto pro Monat. Diese Zahl ist jedoch mit Vorsicht zu geniessen: Darin sind auch die Löhne der Chefetagen inbegriffen. Medienschaffende ohne Kaderfunktion verdienen rund 7000 Franken. Auch wurden die Angaben der Teilnehmenden auf ein 100-Prozent-Pensum mit 40 Arbeitsstunden pro Woche gerechnet. Nun ist im Journalismus aber zu beobachten, dass in den vergangenen Jahren frenetischen Sparens häufig Pensen und damit die Löhne reduziert wurden, ohne dass dies zwingend eine entsprechende Aufwandreduktion bedeutete.

Allgemein stehen die Medienschaffenden im Vergleich zu Branchen, die ebenfalls hohe Berufsanforderungen stellen, nicht mehr so gut da. MittelschullehrerInnen – bisher die klassische Referenzgruppe für JournalistInnen-Löhne – verdienen mittlerweile deutlich mehr als 7200 Franken: im Kanton Zürich beispielsweise rund 9600 Franken.

Markante regionale Unterschiede

Die Studie bringt auch starke regionale Unterschiede zum Vorschein: Am höchsten sind die Löhne in der Medienmetropole Zürich (7644 Fr.), etwas tiefer in Basel (7429 Fr.) sowie in Genf und im Waadtland (7400 Fr.). Das Schlusslicht markiert das Tessin (6193 Fr.), wobei die Streuung der Löhne in der Südschweiz am grössten ist. Das schweizerische Mittelfeld bilden der Kanton Bern (7200 Fr.) und die übrigen Kantone (6500 Fr.).

Erfahrung zahlt sich aus

Aufschlussreich ist, dass im Journalismus die Berufserfahrung und weniger die Ausbildung über die Lohnhöhe entscheidet. Wer zehn Jahre im Journalismus arbeitet, verdient rund ein Drittel mehr als Leute mit zwei Jahren Berufserfahrung. Die Abstufung nach Berufsjahren bildet ziemlich getreu die Abstufung der bisherigen Mindestlöhne nach Presse-GAV ab (siehe Grafik). Dagegen hat der Ausbildungsstand einen eher geringen Einfluss auf die Lohntüte: JournalistInnen mit Universitätsabschluss (7542 Fr.) beziehen knapp 8 Prozent mehr Lohn als ihre KollegInnen mit einer Berufslehre (7000 Fr.). Wie die Studie zeigt, führen verschiedene Wege zum Journalismus: Rund 19 Prozent der Medienschaffenden verfügen über eine Berufslehre, 17 Prozent über eine Matura, 3 Prozent über ein Lehrpatent, 9 Prozent über einen Fachhochschul- und 44 Prozent über einen Uni-Abschluss.

Frauen verdienen weniger

Das Geschlecht spielt weiterhin eine Rolle beim Einkommen. Frauen – 35 Prozent der Teilnehmenden – verdienen im Journalismus weniger als ihre Kollegen. Während die Männer Ende Monat im Schnitt auf 7400 Franken kommen, sind es bei den Frauen nur 7000 Franken. Werden aber Faktoren wie die berufliche Stellung oder Ausbildung berücksichtigt, beträgt die Lohndifferenz 3 Prozent. Dies ist im Vergleich mit anderen Branchen wenig. Trotzdem fällt auf, dass die Lohnunterschiede bei den über 50-Jährigen grösser sind (10 Prozent, nicht faktorenbereinigt). Dies ist wohl eine Folge davon, dass die Karriereleiter weitgehend den Männern vorbehalten bleibt. Unbeantwortet bleibt hingegen, weshalb auch in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen die Frauen 10 Prozent weniger verdienen. Kündigt sich hier vielleicht eine neue Diskriminierungswelle an? Ein Grund zur Sorge sind auch die überlangen Arbeitszeiten. So arbeiten Vollzeit-Medienschaffende bei Tages-, Wochen- und Sonntagszeitungen im Durchschnitt 46,3 Stunden pro Woche.

Wie viel verdienen Freie?

Um die Einkommenssituation von freien Medienschaffenden zu beurteilen, scheint die aktuelle Lohnstudie nicht geeignet zu sein. Das errechnete Durchschnittseinkommen von 7000 Franken werden viele Freie kaum erreichen. Die Studie zeigt zumindest, dass die Streuung bei den Einkommen viel breiter ist als bei den Festangestellten: Während 25 Prozent der Freien weniger als 5000 Franken monatlich verdienen, trifft dies nur auf 8 Prozent der RedaktorInnen zu. Eine Rolle dürfte auch der Verband der Fachjournalisten gespielt haben, der sich an der Studie beteiligte: Ein grosser Teil von ihnen ist freischaffend und verdient erfahrungsgemäss mehr als Freie in Publikumsmedien. Zudem haben Rückmeldungen ergeben, dass die Fragestellung für Freischaffende missverständlich war. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass nur 102 (9 Prozent) der Studienteilnehmenden Freie waren. Bei der letzten Lohnstudie 1998 waren es rund 20 Prozent, was in etwa den Zahlen auf dem Arbeitsmarkt entspricht.

Löhne stagnieren

Wie haben sich aber die Löhne entwickelt, seit im August 2004 der Presse-GAV in der Deutschschweiz und im Tessin gekündigt wurde? Konnten die Medienschaffenden von der guten Konjunktur der letzten beiden Jahre profitieren? Auf den eigenen Lohn angesprochen, antworteten 8 Prozent der Festangestellten, dass ihr Lohn gesunken sei. Bei 35 Prozent ist von Stagnation die Rede. Dies bedeutet, dass ganze 43 Prozent in den letzten zwei Jahren einen Reallohnverlust hinnehmen mussten. Bei den Freischaffenden sieht das Bild noch düsterer aus: 28 Prozent verdienten weniger, 41 Prozent etwa gleich viel – insgesamt erlitten also über zwei Drittel einen realen Einkommensverlust.

Bei dieser Lohnentwicklung erstaunt es nicht, dass drei Viertel der Teilnehmenden einem GAV eine grosse Bedeutung beimessen. Für einen neuen GAV wird comedia weiterhin alle Hebel in Gang setzen, um dem vertraglosen Zustand in der Pressebranche endlich ein Ende zu setzen.

Stephanie Vonarburg
Zentralsekretärin Presse und elektronische Medien